Der Tiefencharakter von Figuren und was Sie darüber wissen sollten: Teil 1

August 13, 2017

Wenn  Figuren flehen, stammeln oder mit klopfendem Herzen reagieren - dann hat der Autor etwas falsch gemacht: Was das ist und wie Sie es verhindern, lesen Sie in dieser 3-teiligen Serie

 

 

 

  

Von Stressauslösern, dunklen Seiten und Geheimnissen

 

I know so much about every character I put in the book. Even the minor ones. And you only see about five percent of it in the book. I've always had an idea of what she was, and that it was not going to change. Because I'm not sure that people change basic elements. (Bestseller-Autorin Carol O'Connell über ihren New Yorker Detektive Katleen Mallory in einem Reuters-Interview vom 16.2.2012)

 

 

Was sind emotionale Überreaktionen und Handlungsklischees?

 

Wie oft haben Sie in Ihrem Leben schon jemanden angefleht, er möge Sie nicht verlassen? Wie oft sind Sie vor Enttäuschung und Herzschmerz in die Knie gesunken? Wie oft zittert Ihr ganzer Körper aus Ärger oder Wut? Wie oft haben Sie gestammelt, dass Sie jemanden lieben?

 

Nichts dergleichen habe ich jemals getan oder jemals erlebt.

 

Und mal ehrlich: Haben Sie es?

 

Und wie reagieren die meisten Menschen in der Realität auf solche emotionalen Eruptionen? 

 

Seien Sie versichert: Wenn Sie es zu oft übertreiben, verliert Ihr Gegenüber den Respekt -- und genau das geschieht auch bei Ihren Lesern.

 

Doch wie oft haben Sie schon geschrieben oder bei anderen Selfpublishern gelesen, dass

  • das Herz der Figur wild klopft, der Puls rast, das Blut gefriert, sie Schmetterlinge im Bauch hat, 

  • die Augen starr, schreckerstarrt, leer sind oder aufblitzen

  • Figuren bei Kummer und Stress immer davonstürmen, weinen, kreischen, schreien, stammeln, flehen, schluchzen oder gleich schmerzgebeugt in die Knie sinken

  • Figuren darauf brennen, jemanden zu treffen oder etwas zu tun

  • sie mit flehenden Augen schaut, mit gebrochener Stimme fleht, jemand etwas knurrt 

  • sie innerhalb eines Kapitels nur zu einer einzigen Gefühlsregung in der Lage ist: bevorzugt lachen oder kichern

  • sich eine Gänsehaut schlagartig auf Körpern ausbreitet, der Boden unter den Füßen schwankt etc.

 

Kommt Ihnen das bekannt vor?

 

Wie sieht es bei den Bösewichtern aus? Bei Mördern, Bankräubern, Entführern oder bei Soziopathen mit Allmachtsphantasien?

 

Wie oft schon hatten Sie mit denen zu tun? Und glauben Sie allen Ernstes, die grinsen ständig höhnisch, hinterhältig oder gar diabolisch? Oder lachen besonders oft und gern laut auf, wenn sie alleine sind?

 

Und dennoch läuft einem dieses  Übertreiben von Gefühlen und Reaktionen vor allem in den Romanen von Anfängern und Selfpublishern regelmäßig schon auf den ersten Seiten über den Weg.

 

Das alles sind nicht nur Sprachklischees, es sind Handlungsklischees.

 

Es sind Reaktionen aus dem Ramschladen von Autoren, die

 

  • vor dem Schreiben zu leichtfertig Ihre Recherchearbeit vernachlässigt haben

  • ihre Figuren lediglich an der Oberfläche kennen

  • hilflos versuchen, Lebendigkeit in belanglosen Szenen vorzutäuschen 

  • der eigenen Kreativität und den eigenen Figuren misstrauen

  • „auf der ersten Stufe der Kreativität“ (Roy Peter Clark) herumwursteln


Sie können als Autor die fantasievollsten Storys erzählen, die phantastischsten Welten erfinden, die abenteuerlichsten Kreaturen zum Leben erwecken -  wenn Ihre Figuren  immer dieselben klischeebeladenen Reaktionen und Gefühlsausbrüche zeigen oder Sie  Ihre Figuren dabei ertappen, dass sie sich innerhalb eines Kapitels nur auf einem einzigen Gefühlslevel befinden -- dann müssen Sie unbedingt etwas ändern.


 

Entdecken Sie Stressauslöser, dunkle Seiten und Geheimnisse

 

Haben Sie das obige Zitat der amerikanischen Bestseller-Autorin Carol O`Connell genau gelesen?

 

Lediglich fünf Prozent dessen, was sie über ihre Hauptfigur weiß, erscheint im Roman. Die restlichen 95 Prozent ihres Wissens liegen unter der Romanhandlung wie eine dicht gewobene Matrix, aus der sich alle Aktionen und Reaktionen ihrer Figur speisen.

 

Das ist der unsichtbare Kern jeder Figur in jedem erfolgreichen Roman. Das ist der Tiefencharakter.

 

Doch was geschieht, wenn ich Autoren bitte, mir eine Figuren-Analyse der Hauptfigur zu schicken? Dann bekomme ich oftmals Zusammenfassungen von anderthalb, bestenfalls zwei Seiten.


Und damit ist das Desaster des austauschbaren Verhaltens bereits programmiert.


 

In diesen Zusammenfassungen erfahre ich dann zwar, wie die Figuren aussehen, als was sie arbeiten, welches Ziel sie haben. Aber häufig erfahre ich nichts über den komplexen Tiefencharakter einer Figur.


 

Ich weiß nicht, ob die Figur etwas in sich trägt, das sie vor sich selbst verbirgt, was die größten Ängste sind, was sie von Sex hält, ob die Figur Komplexe hat, sich für etwas besonders schämt oder auf was sie besonders stolz ist.


 

Ich erfahre auch nichts über ein eventuelles inneres Chaos, über Stressauslöser und Stress, über innere Widersprüche oder Unsicherheiten.


 

Vor allem erfahre ich nichts über Geheimnisse, die die Figur vor anderen verbirgt. Dabei können Geheimnisse traurig, schmerzhaft, komisch oder sogar lustig sein. Sogar gute Taten können als Geheimnisse verwahrt werden.


 

Doch das, was Menschen sich selbst nicht eingestehen, und das, was Menschen einander selbst in intakten Familien oft nicht anvertrauen, beeinflusst das Verhalten von realen Menschen -- und damit das von Figuren -- tief, ohne dass sie sich dessen bewusst sind.


 

Als reale Menschen verweigern wir gern den Blick auf unsere dunklen Seiten wie Neid, Wut, Rachegelüste, Unredlichkeit, weil wir uns schämen. Und wir verbergen Geheimnisse, weil wir uns dadurch sicherer fühlen, weniger verletzlich und weniger angreifbar.


 

Doch Ihre Figuren müssen laut und deutlich zu Ihnen als Autor sprechen:

 

  • über die Geheimnisse, die sie vor anderen bewahren

  • über das, was sie sich selbst nicht eingestehen

 

Denn genau das gehört zum Tiefencharakter einer Figur -- und den sollten Sie erkunden und kennen.


 

Weshalb muss ich den Tiefencharakter kennen?


 

1. Wie jeder von uns verhalten sich auch Figuren gemäß ihrer besonderen und einmaligen Prägung durch vererbten Charakter, soziales Umfeld, Anerzogenes, Erfahrungen und natürlich auch durch ihr Äußeres.

 

Nicht umsonst haben es attraktive Frauen zumeist leichter im Job, und ein Mann, der mit sechs Geschwistern auf dem Land aufgewachsen ist, verhält sich anders als einer, der als Einzelkind in einem Professorenhaushalt in einer Großstadt aufwuchs.

 

Soweit, so gut.


 

2. Doch der komplexe Tiefencharakter der Figur mit all ihren uneingestandenen Ängsten, dem mangelnden Selbstbewusstsein, den Verletzungen, Unsicherheiten, dem Stress und den heimlichen Sehnsüchten steuert ihr Verhalten in bestimmten Situationen viel wesentlicher als jeder bewusste Vorgang oder Wille. Das zum einen.


 

3. Zum anderen führt die Kenntnis des Tiefencharakters beim Schreiben dazu, dass Ihre Figur eben nicht so handelt wie Hunderte andere Figuren in vergleichbaren Situationen.​


 

4. Um Leser emotional zu berühren, sollten Sie als Autor selbst emotional an Ihren Figuren beteiligt sein. Auch dazu dient die Erforschung des Tiefencharakters Ihrer Hauptfiguren - und zwar auch die des Antagonisten.


 

Und egal, ob Sie ein Autor sind, der erst die Story im Kopf hat und dann erst die Figuren oder ob Sie erst die Figuren entwickeln und dann erst die Geschichte:


Früher oder später sollten Sie Ihre Hauptfiguren besser kennen als sich selbst.


 

Figuren sollten Sie besser kennen als sich selbst?

 

Ja.

 

Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass Menschen gern Unangenehmes verdrängen, vor sich selbst verstecken, nicht wahrhaben wollen.

 

Weshalb?

 

Aus Selbstschutz, aus Scham, aus Angst. Manche aus Faulheit.

 

Genau dasselbe tun aber auch Ihre Figuren. Nur dürfen Autoren es ihnen nicht durchgehen lassen.


Als Autor sollten Sie diese Geheimnisse aus den Hauptfiguren herlocken.


 

Ebenso wie Carol O`Connell, Stephen King, Philip Roth oder Elizabeth George werden Sie häufig nur einen Bruchteil Ihres Wissens direkt in die erzählte Story einfließen lassen.


 

Doch Ihre Kenntnisse um all das, was sich Ihre Figuren nie selbst eingestanden haben, wird automatisch und dominant das Verhalten jedes einzelnen im Roman bestimmen.


Warum das wichtig ist? 


Weil Ihre Figuren authentisch und fernab von Klischees agieren sollen.

 

Dazu müssen Sie als Autor genau wissen, woher Ihre Figur kommt und warum sie fühlt, was sie fühlt.

 

Denn nur dadurch kann sie tun, was sie tut - und unbeeindruckt von Handlungsklischees ihre eigene, einzigartige Reaktion hervorbringen.


 

Stellen Sie sich vor,

 

Ihr Mann hat schon den dritten Tag den Mülleimer nicht weggebracht, obwohl Sie ihn wiederholt darum gebeten haben.

 

  1. Es gibt Frauen, die immer noch ganz ruhig bleiben und zu erklären versuchen, weshalb der Müll jetzt endlich weg muss
     

  2. Es gibt Frauen, die ihn genervt selbst hinuntertragen und den Mann dann Tage lang mit Schweigen bestrafen.
     

  3. Es gibt Frauen, die richtig sauer werden, mit Türen knallen, mit fliegenden Tassen reagieren oder mit Geschrei.

 

Glauben Sie allen Ernstes, es geht nur um den Müll?

 

Das tut es nicht.

 

Der Müll ist nur der Auslöser, ein Trigger.


 

Im ersten Fall passiert gar nichts. Die Frau ist souverän und weiß, dass ihr Mann sie liebt und nicht verletzen will, sondern einfach zu beschäftigt war, um daran zu denken.


 

Im zweiten und dritten Fall hat die Frau wiederholt erlebt, dass alles Reden nichts nutzt. Beide reagieren nur anders, weil sie in der Vergangenheit bestimmte Erfahrungen gemacht haben.


 

Beide erleben in dem Moment aber dasselbe: Sie werden als Person NICHT gesehen. Und das werden sie schon sehr lange nicht. Doch während die zweite Frau aufgegeben hat, rastet die dritte aus.


 

Die Ursache von Aufregung oder Resignation bei den zwei Frauen reicht bis weit in die Kindheit zurück, als ihre Mütter vielleicht sagten:

  • „Sei endlich still.“,

  • „Iss dieses oder jenes und stell dich nicht so an.“,

  • „Jetzt reicht`s . Geh in dein Zimmer.“


 

Oder aber andere Kinder hänselten sie, weil sie zu dick, zu dünn oder zu klein waren. Oder ihr Vater warf sie rücksichtslos ins Schwimmbecken, weil er ihnen endlich die Angst vor dem Wasser nehmen wollte.


 

Diese oder ähnliche Situationen haben eines gemeinsam:

 

  • Jemand hat die Bedürfnisse der beiden Frauen schon sehr früh ignoriert

  • die Ängste weggewischt

  • die Komplexe vertieft

  • ihren Willen nicht respektiert

  • auf ihrer Verletzbarkeit herumgetrampelt


 

Und Ähnliches haben sie später wieder erlebt, wenn sie die Letzten waren, die in die Volleyballmannschaft gewählt wurden, oder wenn sie in der Tanzschule nie zu den ersten gehörten, die aufgefordert wurden.


 

Und heute im Job fällt ihnen vielleicht ständig der Kollege ins Wort, zu Hause hört der Mann wieder nur mit halbem Ohr zu und die Kinder machen eh, was sie wollen.


 

All das sind keine großmächtigen Dramen, aber es verletzt und es bedient immer dieselbe Geschichte: Diese beiden Frauen fühlen sich nicht wahrgenommen. Schlimmer noch: Jemand, der ihnen wichtig und nah ist, sieht sie nicht.


 

Solche „Alltags“- Verletzungen können in Menschen Dramatisches anrichten -- und es wird sich immer dann auf eine einzigartige Weise im Verhalten zeigen, wenn irgendeine Situation diese scheinbar winzigen und doch so übermächtigen, jahrelang erfolgten Traumata triggert -- und deshalb werden manche Menschen unverhältnismäßig wütend und andere reagieren resigniert, weil der Müll trotz all ihrer Bitten immer noch da ist.

 

Doch sie reagieren ihrem Charakter gemäß und nicht gemäß irgendwelcher Klischees, die Autoren benutzen, weil ihnen nichts Besseres einfällt.


 

Doch weshalb die eine resigniert hat und die andere ausrastet - auch das hat mit dem komplexen Charakter von Figuren zu tun -- und auch das müssen Autoren erforschen, damit ihre Figuren auf für sie schlüssige und einzigartige Weise reagieren können.


 

Und wie man das alles erforscht und durchleuchtet, das zeige ich Ihnen in den folgenden zwei Blogartikeln:

 

Teil 2: Charakterzüge, Figurenmerkmale und  das Selbstbild der Figur als Matrix für alle Aktionen und Reaktionen

 

Teil 3: Konflikte und Motive: Wie innere Konflikte entstehen und weshalb unbewusste Motive die Handlung steuern 

 

 


Herzlich

Ihre

Mika Bechtheim

 

 

 

 

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