Der Tiefencharakter von Figuren und was Sie darüber wissen sollten: Teil 3

Wie Konflikte und Motive entstehen, was sie anrichten und wie sie die Story beeinflussen

Sie lieben Ihre Figuren? Wunderbar. Doch jetzt verpassen Sie Ihren Lieblingen ein paar wohl platzierte Wunden, Widersprüche und Motive. Denn verweigern Sie das, wird`s nichts mit einzigartigen Romanen und unvergesslichen Charakteren.

„Das Schweigen der Lämmer“: Hannibal Lecter

Erinnern Sie sich an Hannibal Lecter aus Thomas Harris` Roman „Das Schweigen der Lämmer“, dessen Verfilmung 1993 in die Kinos kam?

Lecter ist ein Psychopath, ein Serienmörder, ein Kannibale.

Doch das machte nicht das Grauen aus, das einen noch Tage später erfasste, sobald man nur an ihn dachte.

Der Horror erwuchs aus der einzigartigen Kultiviertheit, die ihm der Autor verpasste:

  • Psychiater mit Doktortitel, der als Koryphäe Artikel in wissenschaftlichen Magazinen veröffentlicht

  • Musikkenner und Kunstliebhaber, der überragend zeichnet

  • Hobby-Koch auf Sterne-Niveau - mit einer Vorliebe für menschliche Leber mit Böhnchen

  • Handwerker, der minimalistische Fluchtwerkzeuge herstellt und präzise das Skalpell führt

  • Gentleman alter Schule

In den vier Romanen um die Figur Lecter erfahren wir jedes Detail, das wir zum Verständnis seiner Motive und Konflikte kennen müssen.

Dabei wusste der Autor Harris bereits im 2. Band "Das Schweigen der Lämmer" alles über Lecters und Starlings Kindheit, auch wenn er das Wissen um Lecter erst im 4. Band offenbart. Und in dem verpasst Harris ihm kaum zu ertragende seelische Verletzungen:

Opfer des II. Weltkriegs; Eltern tot; Schwester vor seinen Augen abgeschlachtet und verkocht zu Suppe, die der sechsjährige Hannibal essen muss; Waisenhaus; erster Mord mit 13 etc.

Als der Zuschauer Lecter im Spielfilm/Roman „Das Schweigen der Lämmer“ zum ersten Mal begegnet, sitzt er in einem Hochsicherheitstrakt.

Im Verlauf der Handlung wird er sich äußerst kultiviert mit der Psychologin und FBI-Auszubildenden Clarice Starling unterhalten, es genießen und ihr von einem Treffen zum anderen lediglich klar machen, wie klug, wie raffiniert, wie überlegen er allen anderen ist -- und dass er sie manipulieren wird.

Da sie ihm intellektuell ebenbürtig ist, werden die Treffen schnell zu spannenden Psycho-Duellen. Und obgleich Lecter im gesamten Film lediglich 16 Minuten auftritt, brennt er sich ins Gehirn.

Denn hinter der Maske steckt dieses Raubtier, das jegliche Kultiviertheit verhöhnt und nur darauf lauert, freigesetzt zu werden, um über jeden herzufallen, der sich ihm in den Weg stellt. Der auch schon mal einem Polizisten die Haut vom Gesicht schält und sich selbst überzieht. Besessen allein vom Hauptmotiv Flucht, ohne jegliche moralische Kontrollinstanz und ohne Mitgefühl.

Gefühle kennt der Psychopath Lecter im "Schweigen der Lämmer" zunächst nur als Genuss:

  • den eines exklusiven Essens (bevorzugt menschlichen Ursprungs),

  • den von Musik, Malerei

  • den einer kultivierten Umgebung

  • den kultivierter Gespräche

Äußere und innere Konflikte

Im Hochsicherheitstrakt hat Lecter zunächst einen maßgeblichen äußeren Konflikt: Er ist gefangen und er will fliehen.

Dazu hat er äußere Neben-Konflikte: mit dem Anstaltsleiter, einem Mitgefangenen etc.

Und er hat innere Konflikte:

  • er wähnt sich anderen überlegen, doch gerade die haben ihn geschnappt

  • seine Sympathie für Starling, in die er sich "verliebt", die aber auf der falschen Seite steht

  • seine maßlose „Eitelkeit“, jedem zu zeigen, dass er klüger und raffinierter ist

All das bringt ihn in gefährliche Situationen, die er sonst hätte vermeiden können.

Seine Sympathie für Starling und der damit verbundene innere Konflikt zeigen sich immer dann, wenn er zögert, Starling sein Wissen preiszugeben - und das tut er nicht nur einmal.

Wenn Figuren zögern, zweifeln, schuldbeladen, ängstlich oder unsicher etc. sind, dann sind das immer Zeichen für innere Konflikte.

Lecters Verliebtsein wird im 4. Band einen weiteren eklatanten äußeren und inneren Konflikt produzieren: er oder sie.

Sie hat ihn verhaftet und an sich gekettet. Um sich zu befreien, muss er entweder sich selbst oder sie verletzen. Er verschont sie und hackt sich den Daumen ab. Eine überraschende Handlung, die kein Leser von einem Psychopathen erwartet.

Bewusste Motive

Seine bewussten Motive, sie zu verschonen, werden sein:

  • er ist "verliebt"

  • sie soll die asexuelle Schwester-Geliebte werden, die er als Sechsjähriger verspeisen musste

  • sie ist ihm intellektuell ebenbürtig, aber körperlich schwächer

  • sie ist ihm charakterlich ähnlich: hochintelligent, wissbegierig, analytisch, ehrgeizig, kontrolliert in ihren Gefühlen, und er schätzt das

  • unter bestimmten Bedingungen hält er sie für „formbar“

Hat er Erfolg?

Oh, ja.

Er wird sie unter Drogen setzen. Sie wird seine Gefährtin und mit ihm leben und speisen: Als Entrée in den Kannibalismus reicht Lecter menschliches Hirn, am Esstisch einem Lebenden entnommen und von ihm perfekt zubereitet.

Ein Happy End, das unerwartet kommt und wohl noch jeden Leser überrascht - und eventuell geärgert - hat.

Unbewusste Motive

Doch selbst dieser gebildete Psychiater hat „unbewusste“ Motive, auch wenn er bei seinem Beruf mutmaßlich um sie weiß:

  • Einsamkeit

  • kein Erlebnis je teilen zu können

  • Machtausübung um jeden Preis

  • gottgleiche Entscheidung über Leben und Tod anderer Menschen Mehr Macht kann man sich nicht nehmen, als über Leben oder Sterben anderer zu entscheiden.

Allein aus diesen bewussten und unbewussten Motiven erklärt sich seine Selbstverstümmelung, obwohl Starling gerade der Feind ist und ihn festgenommen hat. Erinnern wir uns noch einmal ans "Schweigen der Lämmer": wenn er flüchten will, verschont er dort niemanden.

Warum ich Ihnen das erzähle?

Eine zunächst so eindeutig erscheinende Figur wie der Serienmörder, Psychopath und Kannibale Lecter hat natürlich eine Agenda von äußeren Konflikten.

Doch selbst für ihn muss es innere Konflikte geben, an denen er angreifbar ist und die ihn außerdem in gefährliche Situationen bringen: sie entstehen durch seine Eitelkeit und sein „Verliebtsein“.

Diese zwei Aspekte sorgen hauptsächlich für überraschende Aktionen und Reaktionen einer ansonsten stereotypen Figur wie der eines Serienmörders.

Dafür braucht ein Autor also unbedingt Schwachstellen in einer Figur, die zu inneren Konflikten führen.

Und die speisen sich immer aus den bewussten und unbewussten Motiven der Figuren.

Denn erführe der Leser/Zuschauer nicht bereits im „Schweigen der Lämmer“, wie sehr Lecter ein ebenbürtiges Gegenüber schätzt und wie ähnlich ihm Starling ist, würden wir ihm nicht glauben, dass er sich in Starling verliebt und es vermisst hat, seinen Luxus, seine Erlebnisse, sein Leben zu teilen.

Sie sehen also:

Charakter bestimmt Motive.

Motive führen zu Konflikten.

Konflikte führen zu Handlung.

Handlung erwächst aus Motiven.

Motive erwachsen aus dem Charakter.

Der Kreis ist geschlossen.

Gilt das alles auch fürs Personal in Liebesromanen?

Ja, unbedingt.

Bridget Jones -- Schokolade zum Frühstück

Als Helen Fielding Mitte der Neunziger diese luftig leichte Liebeskomödie veröffentlichte, lagen Bridget Jones weltweit Millionen Leserinnen zu Füßen - die sich alle wiedererkannten.

Wer ist Bridget?

  • sie ist Mitte dreißig, Single und zu klein, zu mopplig, zu unscheinbar

  • sie ist lustig, aber nicht cool

  • ihre Erscheinung widerspricht in allem dem gängigen Schönheitsideal

  • sie leidet zutiefst darunter

Ihr leidenschaftlicher Wunsch: endlich abzunehmen und den Mann fürs Leben zu finden

Ihre bewussten Motive: sie ist 35 und hat Torschlusspanik

Hat sie äußere Konflikte?

Klar, ihre Mutter bevormundet sie und will sie ständig verkuppeln, ihre Verwandtschaft amüsiert sich über ihr Single-Dasein - vor allem aber verliebt sie sich in den falschen Mann. Einen oberflächlichen Schürzenjäger, der sie zwar im Bett haben, aber nicht vor dem Traualtar treffen will. Der sie einlädt, dann absagt, wieder einlädt, wieder absagt etc. Er hat nämlich bereits eine gertenschlanke Verlobte, was Bridget erst nicht weiß und dann unter Schmerzen erfährt.

Hat sie innere Konflikte?

Ein ganzes Heer davon: Mitten im ausbrechenden Schönheitswahn der neunziger Jahre mit all den Cover-Models mit Gardemaßen will Bridget zwar einen Mann, fühlt sich aber zu dick, zu klein, zu unattraktiv.

Und dann gerät sie auch noch in situationsbedingte, innere Konflikte.

Zum Beispiel: ausgerechnet beim ersten Sex mit dem Angebeteten trägt sie ein hautfarbenes Spandex-Unterhöschen und der innere Konflikt lautet schlicht: Soll sie sich nun trotz dieser Peinlichkeit ausziehen oder besser nicht?

Was aber sind Bridgets Motive, sich in einen Mann zu verlieben, der sie ausnutzen, benutzen und verletzen wird?

Bewusste Motive sind u.a.:

  • mit aller Macht den Mann fürs Leben zu finden

  • sie fühlt sich als Außenseiter und will unbedingt zu den Normalen, den Verheirateten gehören

  • sie will nicht mehr einsam sein etc.

  • ihre Familie zieht sie ständig auf

  • ihre Familie tut alles, um sie zu verkuppeln

  • und: der Typ sieht so verdammt gut aus, hat Charme und Witz

Hinzu kommen ihre unbewussten Motive:

Und die werden in diesem Roman alles konterkarieren, was Bridget Jones „bewusst“ will: Sie sorgen dafür, dass sie sich in den „Falschen“ verliebt.

Unbewusste Motive sind u.a.:

  • mangelndes Selbstbewusstsein

  • mangelndes Selbstvertrauen

  • als Frau hält sie sich für eine Art Mangelware auf dem Grabbeltisch, die ohne Mann nur wenig Wert besitzt

  • Ihr Irrtum: Sie glaubt den Versprechungen der Glamour- und Modemagazine:

  • sie glaubt felsenfest: äußere Schönheit lässt auf innere Schönheit schließen

Dieses ursächliche und dabei unbewusste Hauptmotiv ist der Schlüssel für alle anderen Motive und der Hauptmotor für jeden Konflikt, in den sie gerät.

Es ist ebenso der Schlüssel dafür, dass Bridget zwar ein Ziel - Mann fürs Leben - hat, aber munter aufs Gegenteil - den Hallodri - losmarschiert.

Je detaillierter und tiefgreifender Sie also Ihre Figuren motivieren, desto überzeugender sind ihre Konflikte, desto überzeugender können sie handeln und desto überzeugender verstoßen sie gegen ihre eigenen Ziele und Interessen (den einen leidenschaftlichen Wunsch).

Und das finden Sie in allen Romanen: In Donna Tartts "Distelfink" ebenso wie in Jonathan Safran Foers "Extrem laut und unglaublich nah" (da haben sie es schon im Titel). Sie finden es bei Dennis Lehane in "Mystic River" oder in Hemngways "Der alte Mann und das Meer".

Und wiederum: Ihre Figuren werden auch dann einzigartig und fern von Klischees handeln, wenn Sie sie in eine leichtfüßige Liebesromanze wie "Bridget Jones" stecken.

Herzlich

Ihre

Mika Bechtheim